Heidrun Sandbichler

Datum/Zeit
06.09.2018 bis 27.10.2018
15:00 bis 18:00

Veranstaltungsort
Galerie allerArt, Raiffeisenplatz 1, 6700 Bludenz

 

Eröffnung 6. September 2018 um 20.00 Uhr

Ausstellungsdauer 7. September bis 27. Oktober 2018 jeweils Mittwoch bis Sonntag sowie Feiertag von 15.00 – 18.00 Uhr

 

Ausstellungsansichten der Ausstellung

Heidrun Sandbichler

Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur

Galerie allerArt, 2018

Foto Miro Kuzmanovic

 

Jeder Käfig ist ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen

individualisiert und ständig sichtbar.[1](Michel Foucault, 1975)

„Die Sitte reformiert – der Gesundheit einen Dienst erwiesen – das Gewerbe gestärkt – die Methoden der Unterweisung verbessert – die öffentlichen Ausgaben gesenkt – die Wirtschaft gleichsam auf ein festes Fundament gestellt – der Gordische Knoten der Armengesetze nicht durchschlagen, sondern gelöst – all das durch eine einfache architektonische Idee!“[2](Jeremy Bentham, 1787)

Willkommen im Kontrollhaus. Sie betreten eine Architektur, die ein Verlassen der Zellen nicht vorsieht. Ein Ort der radikalen Isolation und Überwachung. Es ist ein analytischer Raum – ein Modell oder Ausschnitt unserer Denksysteme und ihrer Taktik. Die Zellen scheinen leer zu sein. Eine Täuschung. Der Mensch ist nicht befreit. Sein Körper ist lediglich gläsern. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.“[3]Und so beginnen die Strukturen aus Eisen zu rotieren – eine Maschinerie.

Ein Tableau vivant unserer Disziplinargesellschaft. Ihr Komplex ruht auf Fundamenten des 17. und

  1. Jahrhunderts. Klöster, Gefängnisse, Kasernen, Arbeitshäuser, Manufakturen und Fabriken, Armenhäuser, Irrenanstalten, Hospitäler und Schulen – in diesen totalen Institutionen entwickelt sich das Wissen zum vollkommenen Überwachungs- und Disziplinierungssystem. „Die Ausübung der Macht erschafft ständig Wissen und umgekehrt; das Wissen hat Machtwirkungen zur Folge.“ [4]Der französische Philosoph Michel Foucault untersucht die Macht und ihre Produktion des Wirklichen und stellt fest: das Individuum und seine Erkenntnisse sind Ergebnisse dieser Produktion. Eine desillusionierende Gesellschaftsanalyse.

In seinen theoretischen Schriften ist die Disziplin ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Subjekten, Wissen, Praktiken und Dingen. Sie ist eine Modalität oder Ausübung von Gewalt und organisiert den analytischen Raum – meist ist dieser in einzelne Zellen parzelliert. Eine Sammlung getrennter Individuen ausgesetzt einer minutiösen Beobachtung und tiefgreifenden Unterwerfung. Nützliche Kommunikationskanäle werden installiert und andere unterbrochen. Die Fabrikation kann beginnen: „So formiert sich eine Politik der Zwänge, die am Körper arbeiten, seine Elemente, seine Gesten, seine Verhaltensweisen kalkulieren und manipulieren. Der menschliche Körper geht in eine Machtmaschinerie ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt.“[5]Die Disziplin ist eine Physik oder Anatomie der Macht, eine Technologie. Der Mensch ihre Erfindung.

„Wir sind nicht auf der Bühne und nicht auf den Rängen. Sondern eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selber in Gang halten – jeder ein Rädchen.“[6]

Heidrun Sandbichler

 

[1]Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Die Geburt des Gefängnisses, S. 257, Frankfurt 1976

[2]Jeremy Bentham, Panopticon or the Inspection-House, Crecheff 1787

[3]Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S. 42

[4]Michel Foucault, in: Dits e Écrits, Schriften, Band II, S. 930, Frankfurt 2002

[5]Michel Foucault, Überwachen und Strafen, S.176

[6]ebd., S. 279

 

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